So viele Studienbeginner wie nie – schön wenn es so wäre

Mo, Dez 1, 2008

Studium & Ausbildung

So viele Erstsemester wie noch nie! Das jedenfalls verkündet das die deutsche Presse aufgrund der Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes. Da man davon ausgehen kann, dass sich von den Statistikern keiner arg verrechnet hat, so müssen die 385.500 Erstsemester für das Jahr 2008, also Sommer – wie auch Wintersemester zusammengenommen – eigentlich Grund zum Jubeln geben. Jedenfalls endlich mal eine frohe Botschaft statt der sonstigen Meldungen über Finanzkrisen, Entlassungen und Insolvenzen. Ist das vielleicht die Wende in Sachen Hochschulmuffel?

Mehr Kinder – mehr Studenten

Um es ganz klar zu sagen: Nein, ist es nicht. Die hohe Anzahl an Studenten im Erstsemester liegt zum einen an Faktoren wie den jeweiligen Jahrgängen und der Reform in Sachen Abitur. Die Verkürzung des Abiturs von 13 auf 12 Jahre führt dazu, dass mehr junge Erwachsene die Schule mit einem Abitur verlassen. Gleichzeitig verlassen nun die letzten geburtenstarken Jahrgänge die Schule mit bestandenem Matura. Vor genau 18 Jahren, also 1990, lag die Geburtenrate in Deutschland mit 905.000 Kindern am höchsten. Seitdem geht es stetig bergab. 2006 war das geburtenschwächste Jahr mit nur 673.000 Kindern. Das niedrigste Ergebnis nach dem 2. Weltkrieg. Das Jahr 1965 übrigens, war mit 1,4 Millionen Kindern, das geburtenstärkste überhaupt. Ich habe das mal in einer Grafik zusammengefasst, auf Datenbasis die ich dem Statistischen Bundesamt entnommen habe:

Man sieht sehr schön, wie stark Anfang der 90er Jahre die Jahrgänge waren, von denen jetzt die Hochschulen profitieren. Danach dann der große Knick nach unten, den wir ca. 2013 zu spüren bekommen.

Die Zahlen stimmen nicht!

Ja, richtig gelesen, die Zahlen des Statistischen Bundesamtes stimmen so nicht. Es ist erstaunlich, wie ungeprüft die Medienlandschaft und Politik Zahlen übernimmt. Ich habe folgendes gemacht: Ich habe Herrn Feuerstein, der für diese Hochschulstatistik beim Statistischen Bundesamt zuständig ist, angerufen. Die Grundlage der Zahlen beruht lediglich auf der Zahl aller Einschreibungen zum Ende des jeweiligen Einschreibestichtag der einzelnen Hochschulen. Und jetzt kommt der Clou: Ich habe Herrn Feuerstein gefragt, ob denn da auch alle mehrfach eingeschriebenen Erstsemester beinhaltet sind und mitgezählt wurden. Das konnte Herr Feuerstein ganz klar mit Ja beantworten. Weiter sagte er:

Die Zahlen sind lediglich vorläufig zu betrachten. Die eigentlichen Zahlen für das laufende Jahr, werden erst im August 2009 vorliegen. Im Moment sind alle Einschreibungen gezählt worden. Wieviele das Studium auf der jeweiligen Hochschule nicht beginnen werden, wissen wir zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht.

Hier muss ich Frau Schavan ein wenig im Freudentaumel bremsen. Durch die Möglichkeit das man sich als Abiturient nun auf beliebig vielen Hochschulen anmelden kann, kommt es zu vermehrten Mehrfachanmeldungen. Das konnte man in der Bewerbungsphase dieses Jahr stark merken. Stöhnten doch so manche Hochschulen über 30% mehr Anmeldungen und musste man zusätzlich Personal einstellen um der Flut an Bewerbungen Herr zu werden. So mancher Bewerber, so hat eine Bericht des SWR herausgefunden, bewirbt sich auf bis zu 12 Hochschulen. Antreten wird er natürlich nur bei einer. Eben der, die er für die beste Wahl von allen Zusagen hält.

Das ist ein klarer Erfolg der aktuellen Hochschulpolitik von Bund und Ländern.

sagte heute Frau Schavan zu den veröffentlichten Zahlen. Nein Frau Schavan, das ist nicht so. Auch wenn ich Ihnen – uns allen – solch einen Erfolg wünsche, nächstes Jahr werden Sie feststellen müssen, das die Zahlen nicht der Realität entsprechen. Wenn Sie sich nun die demografische Entwicklung Europas anschauen, dazu die Bestrebungen Amerikas, nicht nur Fachkräfte sondern auch Studenten abzuwerben, dann sollten Sie ganz schnell handeln und endlich die Hochschulen für alle öffnen. Eine andere Wahl bleibt uns nicht!

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Der Artikel wurde geschrieben von:

- hat 800 Artikel geschrieben auf blogaboutjob Jobs Karriere Recruiting Arbeit.

Ich heiße Thorsten zur Jacobsmühlen bin freier Recruiting Stratege, Social Media und HR-SEO Evangelist, Autor und Blogger. Ich berate Unternehmen im strategischen Aufbau modernster Methoden im Recruiting. Seit über 10 Jahren im e-Recruiting tätig und seit 1994 im Web.Weitere Infos über die Autorenseite

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4 Kommentare dazu:

  1. Thomas Schulze sagt dazu:

    Wir denken, das hängt auch viel zusammen mit dem THEMA Master und Bachelor, das verzerrt die Statistik ein wenig!

  2. Thorsten sagt dazu:

    Danke für die Recherche und Richtigstellung – ich hatte mich schon gewundert.

  3. Pascal sagt dazu:

    Danke für diesen Bericht, sehr aufschlussreich!

    Was die Erstsemester mit Bachelor und Master zu tun haben sollen erschließt sich mir aber nicht ganz Thomas :-)

  4. Jonas sagt dazu:

    Sehr interessant wäre zu wissen, wie sich die Zahlen weiterentwickelt haben und wie groß der Einfluss durch den Doppeljahrgang (G8/G9) sein wird.

    Grüße Jonas

2 Trackback für diesen Artikel

  1. Mehr Studienanfänger? | schonleben mittendrin: subjektiv, subversiv! sagt dazu:

    [...] Blödsinn ist, hat mit einem einzigen Anruf beim Statistischen Bundesamt der Jobblogger Thorsten aufgedeckt. Denn – neben der Tatsache, dass aktuelle die Geburtenstärksten Jahrgänge Abitur [...]

  2. Etwas zum Thema Fachkräftemangel | arbeitsmarkt, Demografie, fachkräftemangel, hochschule, studie | blogaboutjob Jobs Karriere Recruiting Arbeit sagt dazu:

    [...] erhoben, dass sich Abiturienten seit 2008 in beliebig viele Hochschulen einschreiben können. Damals schrieb ich in einem Artikel, dass mir das Statistische Bundesamt bestätigte, die Zahlen nicht um die Anzahl der [...]

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