Denn sie wissen nicht was sie tun

Mo, Jun 21, 2010

Stellenbörsen & Networks

Nahezu jede Veranstaltung, Fortbildung oder Vortrag in der Personalbranche ist ohne das Schlagwort “Social Media” undenkbar geworden. Eigentlich müsste ich ja froh sein. Lange Zeit standen Spezis wie Marcus Tandler, Jochen Mai,  Klaus Eck und meine Wenigkeit mit dem Thema in der HR Szene des deutschsprachigen Raums alleine da. Kaum ein Personaler interessierte sich 2007 für das Thema. Heute versucht ein Heer von Beratern und vor allem auch Agenturen als Social Media Spezialisten Umsatz zu machen. Das zeigt doch, dass es angekommen sein muss, oder? Zeit mal eine Zwischenbilanz zu ziehen und zu schauen, wie sich Social Media denn nun wirklich in den Personalabteilungen etabliert hat.

Die üblichen Verdächtigen

Gerade der Mittelstand blickt oftmals auf die Großen der Branche. Da heißt es gerne, das Firmen wie Audi oder BMW, alleine aufgrund des Bekanntheitsgrades, eine Menge an qualifizierten Bewerbern erhalten würden. Tatsache ist, dass diese Unternehmen auf den Absolventenwunschlisten der alljährlichen Arbeitgeberrankings ganz oben stehen. Das heißt jedoch nicht, dass sich diese Unternehmen in einer Komfortzone bewegen würden. Im Gegenteil, auch hier sucht man händeringend nach guten Mitarbeitern. Die großen Unternehmen sind es dann auch, die bei neuen Methoden den First Mover spielen. Trotz oftmals langen Entscheidungsprozessen.

Während der Mittelstand sich gerne über Innovationsfreude und kurzen Entscheidungswege definiert, scheint das aber für die Personalabteilungen nicht zu gelten. Hier wartet man lieber ab und schaut was andere machen. Die Zeit reicht auch dem trägsten Großunternehmen eine komplexe Social-Media-Strategie zu planen und umzusetzen. Das Ergbenis kann man sich live anschauen. Großunternehmen wie Die Bahn, Daimler, Otto, Telekom oder Bertelsmann sind Vorreiter, festigen ihre Arbeitgebermarken und geben mittlerweile auch Themen vor. Bauen sich Netzwerke auf und fahren Erfolge ein. Und der breite Mittestand schaut wieder zu. Wer sich demnächst über die Komfortstellung der “Großen” beschwert, der sollte daran denken, dass gerade diese es sind, die es wieder einmal vormachen.

Ich hab doch keine Zeit

Mein “Social Media Report HR 2010″ hat es auf den Punkt gebracht. Neben vielen weiteren Erkenntnissen, sind vor allem zwei Punkte für mich erstaunlich.

  1. Die Mehrzahl der befragten Personaler meinen mit der Nutzung des Business Netzwerks XING schon Social Media in der Personalarbeit zu nutzen
  2. Die meisten Unternehmen gaben an, dass es zur Nutzung an Manpower und Zeit fehlen würde

Das viele Personaler neben XING keine oder kaum weitere, echte Social Media Dienste nutzen ergibt sich sowohl aus der Tatsache, dass XING im Grunde – abgesehen von den Gruppen – ein recht statisches Angebot ist. Personaler können es aber so nutzen, wie sie dies auch von den Stellengesuchedatenbanken der Jobbörsen gewohnt sind.  Für alles andere hat man halt auch keine Zeit, wie Punkt 2 bekräftigt. Schade, dann eben nicht. Oder? Da wird vom Bewerber allgemein gerne verlangt, dass dieser Eigeninitiative und Durchsetzungsvermögen mitbringt. Ist es zu vermessen von mir zu fragen, ob das nicht auch auf die Personaler selber zutreffen muss? Ich kenne einige Unternehmen, in denen Social Media schon fester Bestandteil des Produktmarketings geworden ist, die Personalabteilung aber gleichzeitig angibt, eben aus Zeit- bzw. Personalmangel diese Kanäle nicht nutzen zu können. Für mich ein Widerspruch in sich und Zeit das zu ändern.

Wofür gibt es Praktikanten

Wie es aussieht, ist man nun endlich einer Lösung für dieses häufige Problem näher gekommen. Man scheint zu dem Entschluss gekommen zu sein, dass man dann doch mal jemanden für den Bereich Social Media einstellen muss. Seit mehren Wochen schaue ich nun regelmäßig bei den großen Stellenbörsen und in Jobsuchmaschinen nach Stellenangeboten zum Thema Social Media. Allerdings vermitteln mir die angebotenen Jobs, dass das  Potential und Wichtigkeit in der Arbeitgeberkommunikation tatsächlich für viele Unternehmen nicht das Thema zu sein scheint. Irgendetwas muß da auf der Strecke geblieben sein.

Anders kann ich mir nicht erklären, dass es nahezu keine Stellenausschreibungen für Personaler mit einem Schwerpunkt Social Media gibt. Dagegen sind fast alle Ausschreibungen zum Thema Social Media allgemein an Praktikanten gerichtet. Das scheint für viele die momentan die einfachste Lösung des Problems zu sein. Darunter gibt es auch nicht gerade wenige, die den Praktikanten Aufgaben zuweisen, die man normalerweise dort nicht vermuten würde. Ein paar aktuelle Beispiele:

praktika-social-media

Man stelle sich einmal vor, während Unternehmen wie Vodafone oder Simyo hingehen und dem Social Media Beauftragten des Unternehmens dem Pressesprecher gleichsetzen, machen viele Firmen diese Aufgabe zum Praktika. Tolle Idee. Vielleicht sollten die betreffendne Unternehmen mal darüber nachdenken, direkt das komplette Marketing und die Pressearbeit ein paar Praktikanten zu überlassen. Die eierlegende Wollmilchsau für ein paar hundert Euro im Monat, die dann für 6 Monate den Außenauftritt des Unternehmens steuert. Der nackte Wahnsinn! Für die Unternehmen die ihren Social Media Auftritt schon strategisch einsetzen sind das allerdings gute Nachrichten. Der Wettbewerb scheint doch noch länger auf sich warten zu lassen.

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Der Artikel wurde geschrieben von:

- hat 800 Artikel geschrieben auf blogaboutjob Jobs Karriere Recruiting Arbeit.

Ich heiße Thorsten zur Jacobsmühlen bin freier Recruiting Stratege, Social Media und HR-SEO Evangelist, Autor und Blogger. Ich berate Unternehmen im strategischen Aufbau modernster Methoden im Recruiting. Seit über 10 Jahren im e-Recruiting tätig und seit 1994 im Web.Weitere Infos über die Autorenseite

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11 Kommentare dazu:

  1. Stefan Noa sagt dazu:

    Sehr schön!

    Mal wieder eine pointierte Zusammenfassung des Ist-Zustandes aus berufenem Munde!

    Ich bin auf die Messe in Köln gespannt und wie das Thema dort angegangen wird (hoffentlich deutlcih besser als in Stuttgart).

    … ich glaube ja, dass viele Verantwortliche darauf spekulieren, dass sich “diese Social Media Sache” aussitzen lässt und sich alles irgenwie in Luft auflöst…

  2. Schulze sagt dazu:

    Tja, leider gibt es nur sehr wenige ( SM ) – Vollzeitsellen in dem Bereich, wie wir wissen, selbst bei der Deutschen Bahn ist es keine und die ist ja schon ziemlich weit ” vernetzt ” :-) wie wir wissen!

  3. Gerhard sagt dazu:

    Prima, Thorsten, Du bringst das Dilemma gut auf den Punkt. “Ich habe keine Zeit” müsste eigentlich lauten “Ich habe keine Zeit, meinen Job richtig zu machen”.

    Allerdings sollte man sich vor einem Trugschluss bewahren: Alle Welt ist fasziniert von den User-Zahlen in den Social Media Kanälen. Aber ob sich die hohe Reichweite und Frequentierung von Facebook & Co auch monetarisieren, d.h. kommerziell Nutzen lassen, muss noch bewiesen werden. Social Media für Produktmarketing, Social Media für Employer Branding, Social Media für Recruitung / Personalbeschaffung sind alles unterschiedliche Konzepte. Insbesondere im Social Media Recruiting wird die weitere Entwicklung aus meiner persönlichen Sicht eher auf einen Channel-Wettbewerb hinauslaufen:
    Welcher Recruiting Kanal (Karriereseiten der Arbeitgeber, Jobbörsen, Meta-Jobbörsen, Jobsuchmaschinen, Bewerberdatenbanken, RSS-Feeds, Blogs, Social Communities) ist effektiver, nach welchen Kriterien wird verglichen, wie sind die konkreten Return-on-Investment-Zahlen (ROI) über mehrere Recruiting-Kampagnen. Und wenn es um die Geschwindigkeit des Recruiting geht (“time to hire”) – wie vergleichen sich da die unterschiedlichen Kanäle mit dem Social Media Recruiting.

    Noch ist die Messe nicht gelesen – es bleibt spannend.

  4. Paul Fritze sagt dazu:

    Ist es nicht ganz normal, dass der Mittelstand im Einsatz von Personal vorsichtiger ist, als die großen Unternehmen? Der Weg über den Praktikanten ist die Annäherung an das Thema. Was folgt ist bei Erfolg die Besetzung der Stelle oder die Auflösung.

  5. Strangerli sagt dazu:

    Deutschland hinkte in Sachen Innovationen im Internet meistens hinterher. Soweit ist das nicht schlimm, denn man kann immer dazulernen, jedoch wollen sich die Menschen nicht belehren lassen wie wichtig etwas sein kann.

  6. Thorsten sagt dazu:

    @Paul..nein, ganz im Gegenteil. Das ist einfach nur eine bequeme Ausrede. Sie sprechen ja auch davon, dass es bei einem Mißerfolg zu einer Auflösung kommen kann. SM ist eine etablierte und nicht mehr wegzudenkende Form im Kommunikationsweg. Kennen Sie ein Unternehmen im Mittelstand das nicht über EMail kommuniziert? Genauso etabliert ist SM.

  7. Thorsten sagt dazu:

    Hallo lieber Gerhard! Ich persönlich finde die Diskussion, oder eher das Rennen um die Userzahlen auch müßig. Das aber ist typisch Ami und vor allem mit was, wenn nicht mit den Userzahlen, können die Dienste werben? Aber es spielt auch keine Rolle ob da 1, 2 oder 50 Millionen Menschen vertreten sind. Überall verstecken sich Zielgruppen und damit Kandidaten. Ich erkläre meinen Kunden das immer so: “Wenn man eine mittlere Kleinstadt mit 70.000 Einwohnern betrachtet, man selbst einen Maschinenbau-Ingenieur sucht, dann stimmt jeder zu, dass es diese Person in solch einer Kleinstadt geben muß. Warum diskutieren wir aber immer wieder darüber ob das eine oder eben das andere Netzwerk sich aufgrund der Nutzerzahlen, besser oder schlechter als Recruiting- oder Personalmarketing-Tool eignet?”

    Und du hast Recht, es geht um Konzepte und nicht um irgendwelche Dienste. Da pulvern die Firmen tausende raus für einen Facebookauftritt, haben aber noch nicht mal eine Contentseite, wie z.B. einen Firmenblog, um die Leute dorthin zu leiten. Was bleibt übrig? Man postet Jobofferten und Jubelmeldungen. Wer dann noch glaubt dass das funktioniert, hat den Knall nicht gehört. Wie du sagst, den Unternehmen muss klar werden, dass es sich um komplexe, ganzheitliche Strukturen handelt, in denen Social Media einen, wenn auch wichtigen, Teilbereich abdeckt. Was “time on hire” angeht, da sollten die meisten erst mal in den Bewerbungsprozessen aufräumen. Viele wissen ja noch nicht mal, wieviel Tage von eingehender Bewerbung bis zur Einstellung bzw. Absage verstreichen ;-)

  8. Strangerli sagt dazu:

    “Man muß wirtschaftlich denken und wenn etwas kein Geld bringt, muß man es einstampfen oder erst gar nicht beginnen. Ihr könnt mir nicht garantieren das es Geld bringt? Was soll ich dann damit?”

    Oft gehörte Worte, aber was ist dieses wirtschaftliche Denken? Ist es bei manchen nicht inzwischen eher ein “Sie müssen so denken wie ich” oder ein “Ich verstehe es nicht, also ist es nichts”?

  9. saatkorn sagt dazu:

    gute darstellung der aktuellen situation! ob die großunternehmen wirklich in einer komfortstellung sind, würde ich etwas kritischer beurteilen. denn sie suchen in der regel auch viel mehr personal als der mittelstand. von daher dürfte der druck relativ gesehen ähnlich sein. und gerade social media ist ein instrument, welches auch vom mittelstand prima eingesetzt werden könnte!

  10. Robindro Ullah sagt dazu:

    Moin,
    ich muss sagen, dass ich es schon einmal für sehr positiv erachte, dass die Personaler begriffen haben, dass Social Media VIEL Zeit kostet – es ist eben doch nicht umsonst. Erst kürzlich führte ich diese Diskussion mit Kollegen, die meinten: “So was macht man doch im Vorbeigehen. Kann doch nicht so lange dauern, 140 Zeichen zu tippen.”

    Der nächste Schritt, wäre zu begreifen, dass wenn man schon keine ganze Stelle dafür hergeben möchte, sich doch zumindest mal darum kümmert, dass SM Knowhow in den Konzern kommt und dann dort auch bleibt.

    Die Praktikanten Variante ist nicht nur deswegen absurd, weil ein frischer Praktikant sicherlich viel über das Unternehmen, seine Kultur etc. zu berichten hat, sondern da sie auf mich auch nicht durchdacht wirkt, da mir ständig sehr wertvolles Wissen wieder abhanden kommt. Zugegeben – ein Praktikant kann natürlich von seinem Praktikum berichten, aber das kann nur ein kleiner Baustein einer SM Strategie sein.

    Ich erlebe es just bei uns, wie schwierig es ist, mein Wissen im Konzern weiterzugeben. Schließlich will es nicht jeder haben und von Anwenden wollen wir noch gar nicht sprechen.

    Die Frage, was mache ich, wenn mein Key-Blogger/Key-Twitterer/SM Experte mein Unternehmen verläßt, stellt sich diesen Unternehmen wohl gar nicht erst, denn sie haben es ja zum Regelprozess gemacht.

    Also: sehr spannend, dass die Konkurrenz noch ein wenig auf sich warten läßt – aber für uns auch kein Grund sich auszuruhen, denn Baustellen haben wir dennoch genug:-)

    Viele Grüße

  11. Norman Zander sagt dazu:

    Hey,

    guter und interessanter Artikel, der den Nagel auf den Kopf trifft. Mich erinnert das ganze an die Zeit, als man Praktikanten mit den Themen Website und SEO/SEM betreut hat. Irgendwann hat dann das Umdenken statt gefunden.
    Das Thema Social Media gewinnt an Gewicht – gerade für den Bereich Personalmarketing / Employer Branding. Das freut mich zu sehen.
    Schade nur, dass man aus den Erfahrungen der Vergangenheit dann offensichtlich doch nicht genug gelernt hat.

    Ich denke, dass es noch eine Weile dauert, bis das Thema in der “breiten Mitte” ankommt. Bis dahin kann man den Vorreitern nur viel Erfolg und Durchhaltevermögen wünschen. Denn letztlich sind es diese Unternehmen, die das Thema vorantreiben.
    Eine Komfortstellung sehe ich hier allerdings noch nicht. Ganz im Gegenteil: Man kann zwar die Arbeitgebermarke setzen und sich mit interessanten Kampagnen platzieren. Allerdings sind es ja oft kleinere Unternehmen, die lange zuschauen und abschauen und es dann einfach etwas besser machen…
    In jedem Falle gilt: Manch einem Unternehmen täte Consulting in dem Bereich ganz gut.

    Grüße aus Berlin
    Norman

2 Trackback für diesen Artikel

  1. Vom inflationären Gebrauch von Superlativen und Dumpflaberei | JOBlog - der Job & Karriere Blog sagt dazu:

    [...] Post der Woche geht eindeutig an Thorsten, mit seinem excellenten Post “Denn sie wissen nicht was sie tun“, in dem er die Social Media Bemühungen der deutschen Unternehmerschaft ein wenig unter die [...]

  2. Unternehmen und Social Media: Teil 1 – Personal und Struktur | Socialarium sagt dazu:

    [...] Tagen veröffentlichte Thorsten zur Jacobsmühlen in seinem Weblog “blogaboutjob” einen bemerkenswerten Artikel, der sich unter anderem mit der Frage beschäftigte “Wer sich innerhalb eines Unternehmens um [...]

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